31 March 2026, 02:12

Hamburger Staatsoper wagt radikale Schumann-Neuinszenierung mit Klimakrise und Empathie

Offenes Buch mit einer Skizze von verzweifelten Menschen unter dem Titel 'Die Tragödie'.

Hamburger Staatsoper wagt radikale Schumann-Neuinszenierung mit Klimakrise und Empathie

Die Hamburger Staatsoper präsentiert eine mutige Neuinszenierung von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri

Mit einer kühnen Neuproduktion von Robert Schumanns Das Paradies und die Peri verbindet die Hamburger Staatsoper Musik des 19. Jahrhunderts mit drängenden modernen Themen. Die am 27. September 2025 uraufgeführte Oratoriumsfassung wurde vom neuen Intendanten Tobias Kratzer neu interpretiert, der die Geschichte einer himmlischen Suche mit aktuellen Fragen wie Rassismus, Klimakollaps und gemeinsamer Verantwortung verknüpfte. Unter der musikalischen Leitung des neu berufenen Generalmusikdirektors Omer Meir Wellber entfaltete das Philharmonische Staatsorchester Hamburg eine Darstellung, die das Publikum gleichermaßen spaltete wie elektrisierte.

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Das 1843 komponierte Oratorium basiert auf Thomas Moores Lalla Rookh, einer orientalischen Erzählung über Peri, einen gefallenen Engel, der nach einem Geschenk sucht, das ihn des Paradieses würdig macht. Schumann und sein Librettist Emil Flechsig formten daraus ein weltliches Oratorium – doch Kratzers Inszenierung rückte es entschlossen in die Gegenwart. Statt traditioneller Kulissen zeigte seine Produktion schroffe, zeitgenössische Szenen: von Krieg zerrissene Landschaften, von Seuchen gezeichnete Menschenmengen und einen dritten Akt, dominiert von einer Plastikkuppel – ein düsterer Verweis auf die Klimakrise, unter der Kinder unter verschmutztem Himmel spielten.

Kratzers Regie brach immer wieder die vierte Wand. Die Sopranistin Vera-Lotte Boecker, in der Rolle der Peri, kletterte mitten in der Aufführung über die Orchesterränge und setzte sich neben eine weinende Zuschauerin. Diese Geste, die Empathie als Schlüssel zum Paradies symbolisierte, wurde zu einem der meistdiskutierten Momente des Abends. Wellbers Dirigat entsprach der Intensität der Inszenierung: Mit einer Dringlichkeit, die die modernen Bezüge der Produktion widerspiegelte, führte er das Orchester durch Schumanns Partitur.

Die Reaktionen bei der Premiere waren gespalten. Während ein Großteil des Publikums begeistert aufstand, gab es vereinzelt Buhrufe gegen Kratzers radikale Neudeutung. Unter seiner Leitung hat sich das Opernhaus einem stärkeren Engagement für das städtische Leben Hamburgs verschrieben – mit Plänen, das Programm zugänglicher und gesellschaftlich relevanter zu gestalten. Zu den kommenden Projekten der Spielzeit zählen Monster's Paradise sowie Frauenliebe und -leben, Teil einer Reihe neu kuratierter Musiktheaterabende.

Die Produktion markiert die erste große Zusammenarbeit zwischen Kratzer und Wellber und setzt einen provokanten Akzent für die Zukunft der Staatsoper. Indem sie Schumanns Werk als Spiegel heutiger Krisen inszeniert, positioniert das Team die Hamburger Staatsoper als einen Ort, an dem klassische Kunst auf zeitgenössische Realität trifft. Weitere Aufführungen von Das Paradies und die Peri werden im Verlauf der Spielzeit zu sehen sein – eingebettet in die umfassendere Vision des neuen Intendanten für das Haus.

Quelle