Jürgen Habermas stirbt mit 96 – ein Denker prägte die Demokratie weltweit
Dörthe KrauseSteinmeier und Merz ehren verstorbenen Philosophen Habermas - Jürgen Habermas stirbt mit 96 – ein Denker prägte die Demokratie weltweit
Jürgen Habermas, Deutschlands einflussreichster zeitgenössischer Philosoph, ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Sein Tod am Samstag in Starnberg löste Würdigungen führender Politiker aus, darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz.
Habermas prägte über Jahrzehnte als streitbarer Intellektueller die politischen Debatten in Deutschland und international. Seine Ideen – wie der Verfassungspatriotismus in den 1980er-Jahren – stellten traditionelle Vorstellungen nationaler Identität infrage, indem sie die Bindung an demokratische Werte über ethnische Zugehörigkeiten stellten. Er kritisierte die Demokratie in der EU, diskutierte 2004 in München mit Kardinal Joseph Ratzinger über die moralischen Grundlagen eines freien Staates und bezog Stellung zu Konflikten wie dem Kosovokrieg oder der Ukraine-Krise – wo er umstritten für Verhandlungen mit Putin plädierte.
Steinmeier bezeichnete Habermas als "großen Aufklärer", der die Widersprüche der Moderne analysiert habe. Der Bundespräsident betonte, er habe bis zuletzt engen Austausch mit dem Philosophen gepflegt, der sich tief besorgt über aktuelle politische Entwicklungen in Deutschland und Europa gezeigt habe. Merz würdigte unterdessen seine soziologischen und philosophischen Leistungen und nannte ihn "einen der bedeutendsten Denker unserer Zeit", dessen Werk Generationen von Wissenschaftlern prägte.
Deutschland schulde Habermas "eine unermessliche Dankesschuld", so Steinmeier weiter, der seine kritischen Gesellschaftstheorien und sein unermüdliches Eintreten für Frieden hervorhob. Über die akademische Welt hinaus entwarf Habermas die Vision einer weltbürgerlichen Gesellschaft – sein Erbe reicht weit über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus.
Habermas hinterlässt ein Werk, das den demokratischen Diskurs und die öffentliche Debatte neu definierte. Seine Ideen werden auch künftig die Diskussionen über Ethik, Recht und globale Politik prägen. Die Würdigungen aus dem gesamten politischen Spektrum unterstreichen seinen anhaltenden Einfluss auf das geistige und zivilgesellschaftliche Leben.