Digitalisierung zwischen Chance und Risiko: Europas Kampf um Souveränität und Arbeitsplätze
Dörthe KrauseDigitalisierung zwischen Chance und Risiko: Europas Kampf um Souveränität und Arbeitsplätze
Die Digitalisierung verändert Gesellschaft, Demokratie und Wirtschaft – doch ihre Auswirkungen sind alles andere als einfach.
Bei einer kürzlichen Veranstaltung in Sontheim skizzierte der Medienexperte Michael G. Moehnle sowohl die Risiken als auch die Chancen dieses Wandels. Sein Vortrag reichte von der Automatisierung von Arbeitsplätzen bis hin zu Europas starker Abhängigkeit von US-Technologiekonzernen.
Die vom Club 52ProUnterallgäu organisierte Diskussion thematisierte auch, wie digitale Werkzeuge bis 2030 dazu beitragen könnten, Deutschlands CO₂-Ausstoß zu senken. Gleichzeitig bleiben Bedenken hinsichtlich sozialer Medien-Algorithmen, Datenkontrolle und Europas Rückstand bei der digitalen Souveränität bestehen.
Moehnle sprach vor Publikum bei der von ProNah veranstalteten Konferenz, bei der Paul Nagler und Christian Seeberger als Vertreter von Landrat Alex Eder die Eröffnungsworte hielten. Er warnte, dass die geheim gehaltenen Algorithmen sozialer Medien – etwa von Plattformen wie Meta – die gesellschaftliche Spaltung vertiefen und Radikalisierung fördern könnten. Mit 2 Milliarden Nutzern bei Instagram, über 3 Milliarden bei Facebook und 2,7 Milliarden bei YouTube erreicht Meta allein 87 Prozent der Weltbevölkerung.
Der Experte betonte zudem den dringenden Bedarf an digitaler Berufsausbildung. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass 37 Prozent der deutschen Arbeitsplätze ein hohes Automatisierungsrisiko tragen. Ohne bessere Qualifikationen könnten Arbeitnehmer in einer zunehmend digitalisierten Wirtschaft ins Hintertreffen geraten. Moehnle forderte Schulen und Unternehmen auf, ihre Ausbildungsprogramme zügig anzupassen.
Europas digitale Abhängigkeit von US-Unternehmen bleibt ein zentrales Problem. Über 80 Prozent der digitalen Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen stammen von außerhalb der EU, wobei AWS, Microsoft Azure und Google Cloud etwa 70 Prozent des Cloud-Marktes kontrollieren. 86 Prozent der Europäer fürchten, dass die USA über einen sogenannten "Kill-Switch" den Zugang abschalten könnten. Europäische Cloud-Anbieter drängen auf strengere Regeln, um "Souveränitätswäsche" durch US-Gesetze wie den CLOUD Act zu verhindern – doch die EU hat ihre Gesetzgebung zur digitalen Souveränität bis Ende Mai verschoben.
Auch Deutschlands eigener digitaler Fortschritt hinkt hinterher: Im E-Government-Ranking der EU liegt die Bundesrepublik nur auf Platz 21 von 27, was Verbesserungspotenzial bei öffentlichen Dienstleistungen zeigt. Positiv zu vermerken ist jedoch, dass die Digitalisierung ein Viertel der benötigten CO₂-Reduktionen bis 2030 beisteuern könnte. Die EU führt derzeit digitale Grundsatzgesetze ein, um die Macht großer Plattformen einzudämmen und Nutzer zu schützen.
Die Veranstaltung unterstrich die zweischneidige Natur der Digitalisierung: Sie bietet Lösungen für Klimaziele und wirtschaftliches Wachstum, birgt aber auch Risiken für Arbeitsplätze, Demokratie und europäische Autonomie. Angesichts der Dominanz US-amerikanischer Tech-Giganten steht Europa unter Druck, die eigene digitale Infrastruktur und Regulierung zu stärken. Die Forderungen nach besserer Ausbildung und schärferen Regeln spiegeln die wachsende Sorge wider, wer die digitale Zukunft kontrolliert.






