29 April 2026, 04:45

Pharma-Industrie und Krankenkassen liefern sich erbitterten Streit über Europas Arzneimittel-Zukunft

Ein Plakat mit der Aufschrift "Big Pharma hat Amerikaner 2022 zwei bis drei Mal so viel für dieselben Medikamente berechnet wie in anderen Ländern" unten, neben ein paar Medikamentenflaschen und einer Spritze.

Pharma-Industrie und Krankenkassen liefern sich erbitterten Streit über Europas Arzneimittel-Zukunft

Scharfe Kontroverse auf Handelsblatt-Jahrestagung: Pharmaindustrie und Krankenkassen streiten über Europas Arzneimittelversorgung

Auf der diesjährigen Handelsblatt-Konferenz entbrannte eine hitzige Debatte zwischen Vertretern der Pharmabranche und Gesundheitsversicherern über die Widerstandsfähigkeit der europäischen Arzneimittelversorgung. Beide Seiten gerieten in fundamentalen Streit über die Vorratshaltung, Freihandelsabkommen und die Abhängigkeit von ausländischer Produktion – insbesondere von China und Indien.

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Die Diskussionen offenbarten tiefe Gräben darin, wie die zukünftige Arzneimittelversorgung gesichert werden soll: Während Branchenvertreter vor Unterinvestitionen warnten, spielten die Kassen die Risiken herunter. Dr. Kai Joachimsen, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), argumentierte, dass die Bevorratung von Generika für Hersteller wirtschaftlich kaum sinnvoll sei. Er betonte, dass Gesundheits-, Industrie- und Sicherheitspolitik heute untrennbar miteinander verknüpft seien. Ohne kontinuierliche Forschung, warnte er, drohe Europa seine Produktionskapazitäten vollständig zu verlieren.

Thomas Weigold, Deutschlandchef von Sandoz/Hexal, wies die Vorstellung zurück, dass allein Dialoge die Abhängigkeit Europas von China bei Antibiotika und Generika beheben könnten. Ein vorgeschlagenes Freihandelsabkommen mit Indien nannte er "absurde" – es bringe zwar kurzfristige Gewinne, schwäche aber die langfristige Versorgungsresilienz. Tim Steimle von der Techniker Krankenkasse (TK) verteidigte hingegen die Fortschritte der Regierung: Das Ziel einer sechsmonatigen Bevorratung sei für 47 Prozent der Lieferkette erreicht worden. Zudem begrüßte er das Indien-Abkommen und verwies darauf, wie Rabattverträge zunehmend in umfassendere Versorgungsvereinbarungen überführt worden seien – wenn auch Kinderarzneimittel nach wie vor eine Ausnahme bildeten.

Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), kritisierte die Sechs-Monats-Reserve als unzureichend. Er forderte konkretere Krisenpläne und warnte, dass die starke Abhängigkeit von US-Seehandelsrouten Europa verwundbar mache. Inanc stellte zudem infrage, ob die aktuellen Beschaffungs- und Lagerungssysteme den Anforderungen überhaupt gewachsen seien. Joachimsen unterstrich dies und mahnte, dass die europäischen Schwachstellen gefährlich unterschätzt würden.

Die Krankenkassen wiesen solche Warnungen jedoch als alarmistisch zurück. Sie beharrten darauf, dass die bestehenden Maßnahmen ausreichten und die Forderungen der Industrie nach mehr Investitionen nicht gerechtfertigt seien. Die Debatte zeigte deutlich: Während die Hersteller dringenden Handlungsbedarf sehen, um die Abhängigkeit von Drittstaaten zu verringern, erkennen die Kassen keinen akuten Grund zur Besorgnis.

Die Konferenz endete ohne Einigung und legte einen grundsätzlichen Dissens zwischen den Branchenforderungen und dem Selbstvertrauen der Versicherer offen. Die Pharmaunternehmen pochten auf schnelle Investitionen, um die Produktion zu sichern und die ausländische Abhängigkeit zu reduzieren. Die Krankenkassen hingegen betonten, dass die aktuellen Lagerbestände und Handelsstrategien ausreichten, um die Versorgung zu gewährleisten.

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