Rudolf Nurejews triumphale Rückkehr: Wie ein Ballett die Zensur herausfordert
Birgitta SchulzRudolf Nurejews triumphale Rückkehr: Wie ein Ballett die Zensur herausfordert
Nurejew kehrt in triumphaler Neuauflage an Berlins Staatsballett zurück
Das Ballett Nurejew ist 2023 in einer gefeierten Neuinszenierung an das Staatsballett Berlin zurückgekehrt. Die 1995 uraufgeführte Produktion erzählt das Leben des legendären Tänzers Rudolf Nurejew – von seinen Anfängen in Leningrad über seine Flucht in den Westen bis zu seinem weltweiten Ruhm. Die diesjährigen Vorstellungen waren schnell ausverkauft und wurden für ihre mutige Erzählweise und künstlerische Brillanz gelobt.
Die Wiederbelebung des Stücks fällt in eine Zeit, in der die Originalproduktion in Russland verboten ist. Seit der Premiere 2017 am Moskauer Bolschoi-Theater, wo Juri Possochow die Choreografie verantwortete und Kirill Serebrennikow Regie führte, haben politische Repression und Zensur zugenommen.
Das Ballett Nurejew hatte 1995 in Berlin Premiere, kurz nach dem Tod des Tänzers und der Versteigerung seines Nachlasses. Die Inszenierung verbindet prägende Momente seines Lebens: sein strenges Training an der Waganowa-Ballettakademie, seine dramatische Flucht in den Westen 1961 und seine späteren Jahre als gefeierter, aber widersprüchlicher Star. Die Bühne ist mit Objekten aus seinem persönlichen Besitz gefüllt – darunter männliche Akte alter Meister, Sofas von Maria Callas und sogar Möbel von seiner italienischen Insel.
2017 wurde das Ballett am Moskauer Bolschoi-Theater unter Possochows Choreografie und Serebrennikows Regie neu aufgelegt. Der Regisseur konnte die Premiere jedoch nicht besuchen, da er unter Hausarrest stand. Später wurde er wegen Untreue verurteilt – ein Verfahren, das weithin als politisch motiviert gilt. Die Produktion selbst beeindruckte durch herausragende Solodarbietungen, etwa Polina Semionovas Diva-Szene, sowie kraftvolle Ensemblesequenzen.
Bis 2023 hatte sich das politische Klima in Russland weiter verschärft. Der Überfall auf die Ukraine 2022 vertiefte die Isolation des Landes, während die Zensur von LGBTQ+-Themen und kritischer Kunst zunahm. In diesem Jahr wurde Nurejew in Russland wegen der Darstellung queerer Identität verboten. Die Berliner Neuauflage hingegen feierte das Ballett als einen trotzig-freien Akt künstlerischen Ausdrucks, der Liebe, Rebellion und Schöpferkraft vereint.
Possochow, in der ukrainischen Stadt Luhansk geboren und heute US-Bürger, arbeitet trotz des Krieges weiterhin in Russland. Sein Engagement verdeutlicht die komplexen Realitäten von Künstlern, die sich in politischen Gräben bewegen. Die Berliner Aufführungen 2023 standen in scharfem Kontrast zur Unterdrückung in der Heimat, wo solche Produktionen mittlerweile gänzlich verboten sind.
Seit 2017 hat sich die künstlerische Freiheit in Russland drastisch verschlechtert. Queere und politisch kritische Werke geraten zunehmend unter Beschuss, während staatliche Kontrolle und konservative Gegenbewegungen Neuinszenierungen wie Nurejew riskanter denn je machen. 2024 bietet noch weniger Raum für unzensierte Äußerungen, da totalitäre Maßnahmen weiter verschärft werden.
Die Berliner Neuauflage von Nurejew 2023 wurde begeistert aufgenommen, die Vorstellungen waren ausverkauft, und der Ruf des Balletts als Meisterwerk festigte sich. Sein internationaler Erfolg steht im krassen Gegensatz zum Verbot in Russland, wo LGBTQ+-Themen und künstlerischer Widerspruch zunehmend unterdrückt werden. Angesichts der wachsenden Zensur ist das Überleben des Balletts außerhalb Russlands zugleich ein kultureller Triumph und eine Mahnung an die schwindenden Freiheiten im eigenen Land.






